Familien-Musikwochenende

Familien-Musikwochenende
des AMJ in Hitzacker
Familien-Musikwochenende
des AMJ in Hitzacker

Bericht vom FaMuWo 47

Kerstin Jockel

Glauben sie an Geister? - Nein? - Ich auch nicht - dachte ich jedenfalls. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr ganz so sicher ... aber lesen Sie selbst!

"Hurra! Wir sind da! Das Wochenende kann beginnen!" Yannick, mein siebenjähriger Filius, springt aus dem Auto und flieht zur Jugendherberge hinauf. "Uff! Geschafft!" denke ich genervt, "Den Freitagnachmittag-Feierabend-Stau auf der Autobahn sollte man verbieten!", und spurte meinem Sohn hinterher!

Unterm Dach der Jugendherberge hat das Begrüßungsplenum gerade begonnen. Gudrun hat zur Einstimmung auf den ersten Mai viele Mai- und Kuckuckslieder vorbereitet und Sonja und Dieter hatten schon vorab in einem Rundbrief um Mithilfe für den "Tanz in den Mai" gebeten. Wir betreten den Saal und schauen in fröhliche, singende Gesichter. Die erwartungsvolle Vorfreude auf das Fest heute Abend ist schon deutlich spürbar- und dann ist er plötzlich da, der "Geist von Hitzacker" - dieses unbeschreibliche Gefühl, prickelnd wie Brausepulver auf der Haut und wie Schmetterlinge im Bauch, gepaart mit der sicheren Gewissheit, irgendwie zu Hause angekommen zu sein ... Und seltsam: der Arbeitsstress, die Hektik des Packens, der Stau auf der Autobahn - all das verliert sich bereits in den Nebeln der Zeit ... Ein Luftzug streift mein Gesicht - glauben sie an Geister ...?!

Nach der Begrüßung und Vorstellung aller Teilnehmer durch Renate und Adam werden die Kinder und Jugendlichen nach Alter und Neigungen in Gruppen eingeteilt. Zum Kennen lernen, Wiedersehen und erstem gemeinsamen Musizieren verschwinden dann alle "Kids" in ihren Räumen- Zeit für die "Großen", das Gepäck aus dem Auto zu holen, Betten zu beziehen und letzte "Festvorbereitungen" zu treffen.;

Pünktlich um 21.00 Uhr spielt das frischgegründete "Salonorchester" zum Tanz auf und verzaubert uns den ganzen Abend mit bester Tanzmusik aus Klassik und Moderne. Besonders gut passen jedoch die "Strauß- Walzer" zum Ambiente: der Saal ist mit viel Birkengrün geschmückt und duftet auch so! In einer solchen Umgebung macht es einfach Spaß zu tanzen- das finden auch die Kinder und Jugendlichen, die heute Abend fröhlich mitmischen! Im Wechsel mit dem Salonorchester sorgen Holger und Dieter dafür, daß auch "des Volkes Tanz" sowie Spiel und Spaß nicht zu kurz kommen: die Reise nach Jerusalem mit "Zusatzaufgaben" oder das Bewegungslied "Kommt und laßt uns fröhlich sein!" strapazieren Lach- und andere Muskeln aufs Heftigste! Tanz- und Bewegungsmuffel haben heute Abend keine Chance- aber irgendwann braucht jeder mal eine Pause! Dafür haben wir auf Geheiß von Sonja und Dieter vorgesorgt und alle etwas fürs kalte Buffet mitgebracht; Frau Haacke, die Herbergsmutter, hat außerdem zwei riesige Töpfe mit Bowle für uns angesetzt: einen für "Autofahrer" und einen für "Mitfahrer". Damit jeder weiß, aus welchem Topf er sich bedienen sollte sind sie gekennzeichnet (wie praktisch!). Daraufhin hat auch der eine oder andere sein Glas markiert (auch ganz sinnig!); die verschiedenen "Fahrer" waren allerdings nicht gekennzeichnet (!)- geschmeckt hat's allen!;

Der Abend wird lang, die Nacht kurz- und so ist's kein Wunder, daß am nächsten Morgen eine mehr oder minder verschlafene Gesellschaft im Plenum sitzt. Die beiden "verschlafensten Langschläfer" aber sind Sarah und Kerstin, die noch im Nachthemd und mit Teddybär und Kuschelkissen unterm Arm erscheinen! Gudrun begrüßt die beiden mit dem Lied "Weck` mich nicht auf, weck` mich nicht auf, ich träume grad` von einem Märchenschloss im Wald-...2 und entführt uns alle noch einmal liebevoll zurück ins Land der Träume. Dann hat sie jedoch kein Erbarmen mit unserem verschlafenem Haufen und mit fetzigen "Räuberliedern" ordentlich in Schwung! Wir lernen den Räuber Kasimir kennen, sind bei den "Wirags" zu Gast und tanzen tatsächlich noch um dem Maibaum! Und auch unseren Räuberkanon singen wir heute Morgen zum ersten Mal, "Tannige Hosen". Dieses Lied wird die Hauptmelodie dieses 47.Familienmusikwochenendes; sie hat uns wie eine gute Filmmusik das ganze Wochenende begleitet und noch lange darüber hinaus in uns nachgeklungen.;

Aufgeweckt und munter verteilt sich das Plenum dann auf die einzelnen Arbeitsgruppen und auch die Erwachsenen treffen sich jetzt zum Chor. Uwe hat als erstes Lied "Aprite le porte" ausgewählt- sehr passend, da wir alle so nach und nach, mehr oder weniger "verspätet", durch die Tür in den Chorraum "kleckern". Unter Uwes leicht strafendem Blick, verkrümelt sich jeder "Zuspätkommer" schnell auf einen Stuhl und singt eifrig- auf italienisch- mit; Uwes Botschaft kommt an: In Zukunft sind wir pünktlich. Danach eröffnet uns unserer Chorleiter, was er eigentlich mit uns vorhat: "Ich habe etwas von Mendelssohn mitgebracht, 8-stimmig." Schweigen. Verstohlene Blicke. Meint er das ernst?! -Was wird hier von mir erwartet? -Ich bin keine professionelle Chorsängerin! -Ich bin eigentlich bloß so zum Spaß hier Uwe errät unsere Gedanken: "Ich weiß, ihr haltet mich für verrückt, aber ich möchte es trotzdem versuchen!" Der Choral heißt: "Richte mich, Gott!" Jetzt müssen wir doch lachen: ein 8-stimmiges Chorstück in 1 1/2 Tagen zu erarbeiten, noch dazu mit Sängern, die z.T. keine Chorerfahrung haben, dazu gehört Mut, Gottesfurcht und auf jeden Fall der passende Titel! Uwe hat alles beisammen, also: "Auf geht's!" Was sonst noch so passiert ist, erfahre ich kurz und knapp beim Mittagessen, Yannick erzählt mir etwas von einem persischen Markt, den sie mit vielen Orff-Instrumenten gespielt haben. Er ist sich noch nicht ganz sicher, für welches Instrument er sich entscheiden soll. Trommel und Rasseln hat er ausprobiert und dann ist da noch eine "tolle Djembé mit Schellen", aber auf der hat er noch nicht gespielt. Er nimmt sich vor es am Nachmittag zu versuchen (und entscheidet sich dann auch dafür!). "Außerdem haben wir noch einen Zigeunertanz gelernt- aber den müssen wir mindestens noch -zig mal üben, der klappt noch nich`!" kommentiert er selbstkritisch. Mein Sohn hat seine Mahlzeit beendet und befördert seinen Teller samt Besteck- unaufgefordert! - auf den Geschirrwagen! Ich staune! "Ich geh` jetzt mit Janker eine Höhle bauen im Wald!" (Seinen Freund Janker hat er vor einem Jahr kennen gelernt und freut sich seit dem jedesmal auf ein Wiedersehen mit ihm!) Aus seinen Augen blitzt es mir freundlich entgegen und mit einem "Tschüs Mama!" saust er nach draußen. Die Staubwolke hinter ihm hüllt mich ein- haben sie ihn gesehen, den Geist von Hitzacker...?!;

Das Wetter ist Mai-mäßig schön und so treffen sich viele in der Mittagspause zum spielen und klönen draußen vor der Jugendherberge. Und weil das Wetter so schön warm ist, gibt's zur Kaffeezeit heute statt Kuchen für alle ein Eis! Darüber freut sich Yannick gleich doppelt: erstens mag er Eis lieber als Kuchen und zweitens fällt für ihn der Tischdienst aus, weil man das Eis aus der Hand essen kann und weder Teller noch anderes dabei benötigt! Danach geht's in verschiedenen Gruppen mit unvermindertem Elan weiter- schließlich sollen die Beiträge fürs Abschlussplenum richtig gut werden! Nach dem Abendessen klingt der arbeitsreiche Samstag für die Kinder, aber auch für die Eltern mit einer wunderbaren "Hitzacker-Tradition" aus: der Gute-Nacht-Geschichte mit Gudrun. Dieses Mal erzählt sie das Märchen vom König Drosselbart, wie immer begleitet vom Klang ihrer Harfe. Als sie beginnt, sitzen nur ein paar Kinder und Erwachsene um sie herum; als jedoch die Harfe zum ersten Mal erklingt, geschieht ein kleines Wunder: in kürzester Zeit und beinahe lautlos füllt sich der Raum der Jugendherberge mit Menschen, die mit großen Augen still und ergriffen den Worten und der Musik lauschen1 Jemand hat einmal gesagt, die Harfe sei ein göttliches Instrument- es stimmt: der göttliche Funken ist soeben auf uns übergesprungen! Ruhe kehrt ein nach dem Trubel des Tages, Frieden senkt sich wie selbstverständlich über diesen Abend- und mit den Klängen ihrer Harfe entführt uns Gudrun ins Reich der Märchen, der Träume und der Phantasie. Wie gebannt hören wir ihr zu, und als der letzte Ton des Gute-Nacht-Liedes "Wer hat die schönsten Schäfchen" leise verklingt, bleiben alle noch einen Moment lang wie verzaubert sitzen... Ich spüre einen Lufthauch auf meinem Gesicht- glauben sie an ...?;

Für die Jugendlichen und Erwachsenen ist der Tag noch nicht ganz zu Ende, denn Holger und Dieter sorgen noch mal für unsere tänzerische Bewegung. Die Erwachsenen bekommen zum Tanzen sogar Live-Musik, denn Gudrun (Harfe; Djembé), Sonja (Geige), Kolja (Baß) und Adam (Gitarre) finden sich spontan zu einer kleinen Tanzband zusammen! DA macht das Tanzen gleich doppelt soviel Spaß! Verschwitzt aber glücklich lassen wir den Abend in der "Kneipenrunde" mit klönen und singen ausklingen.;

Am Sonntagnachmittag um 15.00 Uhr beginnt das Finale, das große Abschlussplenum, zu dem auch noch ein paar auswärtige Zuschauer gekommen sind. Gudrun beginnt das Plenum mit "Komm lieber Mai und mache..." und lässt noch einmal den "Tanz in den Mai" lebendig werden. Danach zeigen die Jüngsten aus der Sing- und Spielgruppe mit dem Chameleon-Spiellied und einem schwungvollem Frühlingstanz, wieviel Spaß sie mit ihrer Leiterin Birgit an diesem Wochenende gehabt haben. Das außerordentlich gut besetzte Kinderorchester studierte eine Gavotte von Händel ein und bescherte uns außerdem ein furioses "Last night of the proms" (Elgar)- und bekam dafür sehr berechtigte "Standing ovations" ! Die Orffgruppe spielte hingebungsvoll und ausdauernd "AM festlichen Tage" und die kleine, aber hochkarätige Blockflötengruppe erfreute uns mit "An hellen Tagen" von Russka. Christian und Boris setzten mit ihrer Percussionsgruppe den rhythmischen Kontrapunkt des Nachmittags: mit einem Hitzacker-Cha-Cha-Cha und einer wilden Samba brachten sie uns gehörig zum "swingen" ! - Das Jugendorchester steuerte zwei anspruchsvolle Stücke von Berlioz und Dvórak bei; außerdem waren die Jugendlichen das erste Mal auch als Chor unter der Leitung von Ulf Jöde zu hören und ernteten für ihren Song "We go together" aus dem Musical "Grease" hochverdienten Applaus! Nachdem der Erwachsenenchor sein 8-stimmiges "Richte mich Gott" hatte erklingen lassen und nicht nur ungeschoren davongekommen, sondern mit Beifall bedacht worden war fetzten unsere Kinder jeglichen Alters mit Schwung und Begeisterung über die Tanzfläche! Zum Schluß stimmten wir noch einmal den Räuberkanon "Tannige Hosen" an und mit "Obla-di, Obla-da" vom Jugendorchester machten wir uns dann endlich auf den Heimweg! Bis zum nächsten Mal... Tschüs;

Epilog:;

"Wenn einer tannige Hosen hat und hanebüchene Strümpf``-" polter,polter-rumms: ein großer Poltergeist springt die Treppe hinunter- "..., dann kann er tanzen, wie er will, es gibt ihm keine -" polter, polter-rumms: ein etwas kleinerer Poltergeist mit hellerer Stimme springt ebenfalls die Treppe herunter! Gleich darauf geht's zweistimmig weiter: "...ri-ri-ri-ri-riti-riti-riti-riti-riti-riti-rümpf !" Peng! Die Tür zu meinem Arbeitszimmer fliegt auf: "Was machst du da?" - "Ich schreibe einen Bericht über das letzte Hitzackerwochenende." - "Ach so! Wann fahren wir wieder hin? Hast du uns schon angemeldet?" erkundigt sich der große Poltergeist. Nein, noch nicht. Mach ich aber noch!" erwidere ich. Diesmal komm` ich aber auch mit!" läßt der kleinere Poltergeist energisch verlauten. Punkt. Widerrede zwecklos! Ich versuch`s auch gar nicht erst. "Was gibts heute zum Mittag?" will der größere wissen. "Ich wollte Nudeln mit -" - "Tante Hetti, kocht Spaghetti, ..." singt der große und der kleine ruft begeistert: "Au ja, fein! Komm`, wir kochen Spaghetti!" Sprach`s, packt den großen am Arm und zieht ihn aus dem Zimmer. -Rumms! Krachend fällt de Tür ins Schloß - ich spüre einen Luftzug auf meinem Gesicht ... Glauben Sie immer noch nicht an Geister.... ?!;