Familien-Musikwochenende

Familien-Musikwochenende
des AMJ in Hitzacker
Familien-Musikwochenende
des AMJ in Hitzacker

Bericht über 25 Jahre FaMuWo

Rudolf Abrams

1977: Ich befinde mich in der Endphase des Studiums von Pädagogik und Psychologie an der Universität Hamburg. Meine Schwester ruft mich an. Sie sei mit 3 Kindern auf einem Familienmusikwochenende (FaMuWo) des AMJ in Hamburg. Ob ich nicht Lust habe, sie zu besuchen. Günstig sei der frühe Sonntagnachmittag, da könnten wir zusammen Kaffee trinken, einen ausklönen, danach gäb´s Aufführungen. Ich habe keine rechte Vorstellungen von einem FaMuWo, freue mich aber drauf, meine Schwester und meine Nichte und Neffen zu sehen.

Am Sonntag mache ich mich also auf die Reise von Hamburg ins entfernte Harburg. Die Tagungsstätte heißt "Heideburg" und liegt tatsächlich wie eine Burg auf einem Berg in einer waldiggebirgigen Randregion vor Harburg. Ich fühle mich landschaftlich und vom Stile seiner Häuser her etwas nach Österreich versetzt. Das Restaurant direkt gegenüber der Heideburg heißt "Kleine Sennhütte". Meine Nichte und Neffen zeigen mir in der Heideburg die Schlaf- und Seminarräume. Nach dem gemeinsamen Kaffeetrinken aller Teilnehmer versammeln wir uns alle in einem großen Raum. Eine Mischung aus Aula und Turnhalle. Es werden nun Ausschnitte der Arbeit in den einzelnen Gruppen vorgeführt. Ich bin fasziniert, als eine Kindergruppe einen Kreistanz vorführt. Im Verlauf dieses Tanzes weiß ich: So etwas will auch ich lernen! Die Anforderungen, die so ein Tanz an die Kinder stellt, und die Freude dann an der geordneten Gruppenbewegung zur Musik sind eine hervorragende Ergänzung zu den doch eher verbal ausgerichteten psychotherapeutischen Methoden der Kindertherapie, mit denen ich mich im Studium bisher beschäftigt habe.

Noch am gleichen Nachmittag entdecke ich in einer der ausliegenden Programmschriften das Angebot einer "Akademie Remscheid", sich berufsbegleitend in "Rhythmischer Erziehung" ausbilden zu lassen. Dieser Vorsatz sollte dann in den nächsten Jahren in die Praxis umgesetzt werden. Weiterhin nehme ich als Gastschüler an Rhythmikstunden des Konservatoriums in Blankenese bei Frau Conrad teil.

In meinen späteren Berufsstationen wird dann Gesang und Bewegung nach Tönen und Musik ein wesentliches Element einer pädagogisch-therapeutischen Arbeit mit verhaltensauffälligen Kindern werden. Den entscheidenden Impuls dazu erhielt ich als Zuschauer bei einem FaMuWo in der Heideburg!

Übrigens: Als meine Schwester mit Familie das nächste Mal in Harburg am FaMuWo teilnimmt, da nehme ich am Sonntagnachmittag meine Freundin Ulrike mit. Ich muss ihr zeigen, was ich da entdeckt habe!

Ulrike Abrams

12 Jahre später: Eines Dienstags bei der Probe sagt meine Chornachbarin Mechthild Andersen zu mir: "Wir kommen gerade aus Hitzacker. Das wäre doch auch etwas für Euch!" Ich melde mich für das nächste FaMuWo an, zunächst nur mit der ältesten Tochter Anna, 7 Jahre alt. Ich hatte ihr schon etwas Blockflöten beigebracht, wir bekommen die Noten zugeschickt und es wird kräftig geübt. Mit dem Zug fahren wir über Lüneburg nach Hitzacker, mit Kuscheltier und Vorlesebuch im Rucksack und werden von einem lieben Dozenten am Bahnhof abgeholt. Nach dem 1. Plenum gehen wir ins Bett, lesen das Buch und essen Schokolade dabei. Hitzacker ist toll! Zuerst beschäftigt mich: Findet Anna den Raum zum Flöten, zum Tanzen, zum Plenum? Hat sie ihren Notenständer, die Noten, die Tanzschuhe? Erst als alles klar ist, beginne ich zu genießen: Chorsingen auf hohem Niveau, keine langen Einzelstimmproben, 5-stimmig vom Blatt, gleich Musikmachen. Hier darf ich selbst dann bald als Stimmtherapeutin beim Einsingen behilflich sein.

Rudolf Abrams

"Gesang im Plenum" und "Tanz" - ja, das war mein "Heimspiel" in Hitzacker. 3 x vertrat ich eine Dozentin und leitete eine Orff-Gruppe. Auch das war mir vertraut. Ein deutliches "Auswärtsspiel" jedoch war für mich der Erwachsenenchor. Ich singe ja gerne und bin auch ganz gut bei Stimme, hier aber brauchte ich Humor, Durchhaltevermögen und Selbstvertrauen jenseits vom Chorgesang ("Rudi, du musst nicht alles gleich gut können!"), um dran zu bleiben. 2 Beispiele:

Nach einer 45-minütigen Probe an einem Musikstück merke ich: "Oh, jetzt kann ich es schon etwas, es fängt an, Spaß zu machen". Da sammelt Chorleiter Uve Urban die Noten ein und teilt neue Notenblätter zum Absingen aus. Tempo, Tempo!

Uve: "Der 2. Bass bitte noch mal ab Takt 35". Ich (in Gedanken): "2. Bass, ach ja, die Notenhälse gehen nach unten, wo ist noch Takt 35..?" Die geschulten Chorsänger um mich rum sind schon stimmlich unterwegs, sie schaffen es auch spielend, beim Zeilenende sicher in die richtige der vielen folgenden Zeilen zu finden. Ich eile ihnen mit meinen Augen auf dem Notenblatt hinterher: Wo sind sie denn jetzt, wo kann ich vorsichtig und leise mit einstimmen? Wie gut, dass Ulf Jöde neben mir singt! Demütig hefte ich mich an seine Stimme. Doch nun kommt der Höhepunkt an Peinlichkeit, Uve: "Alle Stimmen sich bitte durcheinander im Raum verteilen. Jede und jeder singt die eigene Stimme selbstständig." Irgendwie bin ich auch da durchgekommen: Singe mit, wo ich mich sicher fühle, bei den anderen Stellen lese und höre ich gut mit.

Oh, Uve Urban, Du hast wohl viel Geduld mit uns ungeübten Chorsängern haben müssen! 1 x habe ich mir von Dir die Noten vorschicken lassen, um zuhause schon etwas vorüben zu können. Bei dem FaMuWo habe ich dann einen Teil der Mittagspause genutzt, um meine Stimme zu üben. Ach ja: Wenn ich abends beim Tanz mit Dieter Knodel mitbekam, dass einige Personen Probleme hatten mit der Koordination von Beinarbeit, Gruppe + Musik: Wie sehr konnte ich mich in diese Menschen hineinversetzen, welch warmes Mitgefühl - gespeist aus meinen Chorerfahrungen - verband mich mit ihnen! Unser gemeinsames Motto soll lauten: Dranbleiben, 1 x klappt´s bestimmt!

Ulrike Abrams

Das Tanzen, das ich am ersten Abend noch verpasse wegen Vorlesen und Schokoladenessen, verpasse ich von da an nie mehr. Man kann sich austoben und alle Anspannung der Woche hinter sich lassen. Wir werden sehr gut und geduldig angeleitet und es gibt immer viel zu lachen. Hitzacker ist toll! Anna ist stolz und glücklich nach dem "Ersten Mal", dem ca. 19 weitere Male folgen sollen. Es steht fest: Nächstes Mal mit 2 Kindern und in einem Jahr mit Mann und 3 Kindern. "Mama erlaubt da ganz viel! Wir dürfen uns Fanta im Automaten ziehen!"
Hitzacker ist toll:

Nette Kinder, zugewandte engagierte LehrerInnen. Alle Teilnehmer haben ein Thema: Ob 6 Jahre, ob 65 Jahre (auch Großeltern nehmen mit ihren Enkeln teil) - alle machen dasselbe: Singen, Tanzen, Instrumente spielen, Tisch decken und Essen und Abtrocknen. Weiterhin: Spazieren gehen und sich kennen lernen die Erwachsenen, Ball über die Schnur spielen und sich kennen lernen die Jugendlichen und Kinder. Wir haben ganz selten Störungen oder Disziplinprobleme wahrgenommen. Die kleineren Kinder sehen voller Bewunderung die Aktivitäten der älteren Kinder und Jugendlichen und "rücken allmählich auf". Übers Kinder- ins Jugendorchester, wenn sie ein Orchesterinstrument lernen. Ich weiß aus Gesprächen mit vielen Eltern, dass die Kinder das Instrument längst "geschmissen" hätte, wäre nicht Hitzacker.
Hitzacker ist toll!

Aus den Begegnungen an diesen Wochenenden werden manchmal Freundschaften. "Wer kommt dieses Mal?" "Darf ich schon in ein Jugendzimmer?" Dahin gehen die Sehnsüchte der meisten Kinder: Raus aus dem Familienzimmer, endlich an dem geheimnisvollen Leben der Jugendlichen teilnehmen. Mit 12 Jahren ist es dann so weit. Wenn wir dann das Familiengepäck in die Eingangshalle der Jugendherberge geschafft haben, dann "verabschieden" wir uns von unseren Kindern: "Also tschüs dann, bis Sonntag Abend!" Bis dahin sehen wir sie höchstens noch aus der Ferne oder sie sprechen uns an, weil wir vergessen haben, Geld für den Fanta-Automaten zu spendieren. Ihre Nächte in Hitzacker werden nun mmer kürzer, die Gesichter verschleiert, die Aufmachung auffälliger, sie bewegen sich immer "in Gruppe".

Im Laufe von zehn Jahren vergehen die FaMuWos immer schneller. Wird zuerst noch lange vorbereitet, sorgfältig gepackt, sorgfältig geübt, so setzt im Laufe der Jahre eine Routine ein: Tasche packen schon am Donnerstagabend, Freitag nach der Schule essen, kurze Pause und los. Üben: "Ich hab´s mir mal angeguckt." Das Wochenende rennt vorbei mit seinen bekannten, liebgewonnenen Aktivitäten, und ehe Du Dich versiehst, findest Du Dich kanontanzend im Abschlussplenum und verabschiedest Du Dich wehmütig. Aber es gibt ja ein nächstes Mal.
Hitzacker ist so toll!
Die Tage danach kannst Du vergessen. Übermüdung und Reizüberflutung schaffen so eine Art "Hangover". Da muss man durch!

Rudolf Abrams

1997 steht eine Jubiläumsfeier an: 50 Jahre AMJ in Hamburg. In der Musikhalle soll ein Festakt stattfinden. Hans Steinfeld macht ein Jahr vorher auf einem FaMuWo den Vorschlag, dass auch aus den Reihen von uns Teilnehmern des FaMuWo etwas zu diesem Festakt beigetragen wird. Ich spreche mich mit ihm ab, einen Videofilm über ein typisches FaMuWo in Hitzacker zu drehen, der dann im Pausengang der Musikhalle gezeigt werden kann. Beim 43. FaMuWo im Frühjahr 1997 beteiligte ich mich also mit Camera und Beleuchtung an allen 13 (!) Gruppen dieses FaMuWo, um die Aufnahmen dann später zu einem etwa 40-minütigen Film zusammenzuschneiden. Durch die beobachtende Teilnahme an allen Gruppen wird mir erst so richtig bewusst, wie vielfältig die Angebote eines solchen FaMuWo sind.

Ulrike Abrams

Die Musikangebote verändern sich. Es wird eine percussion-group eingerichtet, es wird gerappt und aus Musicals gesungen. Das Jugendorchester spielt Filmmusik. Aber das "Altmodischste" war für mich immer am rührendsten: Wenn Gudrun abends in der Halle eine Gutenachtgeschichte erzählte und dazu Harfe spielte und wenn sich im Laufe des Abends beim Tanzen eine Kapelle bestehend aus Geige, Akkordeon, Bass und Harfe formierte, um uns "live" aufzuspielen.

Ein paar Jahre später heißt es dann: "Mal sehen, ob ich wieder mitkomme, die anderen kommen alle nicht mehr." Und so läuft es dann aus. Wir kommen nur noch mit einem oder zwei Kindern, bringen noch diese oder jene Freundin mit und dann ahnen wir: "Diesmal ist es wahrscheinlich das letzte Mal".
Hitzacker war toll!

Es waren Highlights des Familienlebens, die einen festen Glücksplatz in unserer Seele behalten.
Ob wir mal die 65 jährigen sein werden, die mit ihren Enkeln....?
Druckversion | Seite aktualisiert am 15.11.2007
Website made by Sulaweb    Login